-- godany, 26. September 2008 00:33:53 MESZ

best of cohen


Das Konzerthaus ist klanglich vermutlich nach dem Musikverein der zweitbeste Ort in Wien. Und den 74-jährigen Leonard Cohen dort auftreten sehen und hören haben zu dürfen, war das schönste Geburtstagsgeschenk meines Lebens.

Im Publikum viel Schwarz und Grau. Schwarz die Kleidung, Grau das Haar. Ich sitze sehr weit vorne und sehe sehr gut, trotz korpulentem 60-jährigen Typen vor mir. Die Band kommt auf die Bühne getrippelt, als letztes läuft Pan ein. Alle stehen auf, jauchzen, klatschen, setzen sich brav wieder hin. Dance me to the end of Love. La la la la la la la. Er ist der unumstrittene Meister des lala, der Einzige, der ungestraft banales Zeug wie lala oder dadudammdamm singen darf. Was heißt singen. Brummen. Sein Timbre macht immer noch Gänsehaut. Ein Konzerthaus voll mit Gänsehaut. Damit es nicht gleich zu gemütlich wird kommen Zeilen wie I've seen the future, brother: It is murder.
Die Gänsehaut bleibt, The holy books are open wide
The doctors working day and night. But they'll never ever find that cure, that cure for love.

Sein Gebrummse bringt die Damen der Umgebung langsam zum Seufzen. Während seine drei wunderbaren Background oder eigentlich Foreground Sängerinnen, darunter seine Produzentin Sharon Robinson, den Refrain There ain't no cure for love schwingen lassen, nimmt er den Hut ab und feixt zu den Mädels: "Tell me the truth".
Er hat beim Singen immer seinen Hut auf, wenn er nicht singt oder nur was erzählt, nimmt er ihn runter, wenn er singt, setzt er ihn wieder auf. Wahrscheinlich, weil er selber auch Gänsehaut kriegt von seiner Stimme. Damit ihm die Haare nicht zu Berge stehen, oder so.

Like a Bird on the Wire, alle im Publikum können vermutlich den Text, aber es herrscht andächtige Stille, keiner grölt mit. Ich summe es auch nur in mich hinein. Der Mann liebt seine Musik immer noch und das hört man. Die Band ist übrigens auch großartig und packt im Laufe des Konzertes so ziemlich alle Instrumente des Universums aus.
That's how it goes. Everybody knows. Die Franzosen hinter mir können alles auswendig.
In my secret life.

Der Gänsehautmacher hängt sich eine Gitarre um, das Kreuz ist wohl noch in Ordnung.
Who by fire. Ich kann alles auswendig. Dieses a moll pling, das meinereiner auf der Gitarre mühselig nachgeplingt hat, macht diesmal der Mann am großen Kontrabass. Pling. In jungen Jahren, als ich noch katholisch war, habe ich mir erdreistet, diese Nummer bei einer rhythmischen Messe während der Kommunion zu spielen (und zu singen, ähem). Würde ich heute nicht mehr wagen, macht man nur, wenn man jung ist. Im Laufe des Konzertes werde ich jünger, und rundherum auch noch einige.
I loved you in the morning, our kisses deep and warm
Your hair upon the pillow like a sleepy golden storm
Yes, many loved before us, I know that we are not new.

Das Mitsingen wird allgemein mutiger, vorsichtig lauter.
Your eyes are soft with sorrow
Hey that's no way to say goodbye.

Irgendwann brüllt jemand: Happy Birthday Mister Cohen (hat er am 21. September gehabt) und alle stehen auf und singen falsch und fröhlich Happy Birthday und klatschen und jauchzen. Der Meister ist gerührt. Alle setzen sich brav wieder hin.
Pause war auch irgendwann, weiß nicht mehr, Pause steht nicht im Notizbuch, Rotwein auch nicht. Pan verliess und betrat die Bühne übrigens immer im tänzelnden Laufschritt, und beim Singen kniete er gerne. Aus Demut oder aus orthophädischen Gründen, egal. Sein Timbre wirkt stehend und knieend, vermutlich auch am Kopf stehend.
Mit Hut in der Hand erzählt er zwischendurch: 14 years ago when i was last time on stage, i was a sixty year old crazy kid with a dream ….
Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That's how the light gets in.

Er wechselt zu einem elektronischen Tastendings, Tower of Song.
My hair is grey, my friends are gone
, er lächelt. Wir lächeln. Ich jedenfalls. Ich denke an die wunderbare Version von Marianne Faithfull und vergesse sie gleich wieder. Original bleibt Original.
Liest noch jemand? Wir sind noch nicht mal bei den Zugaben.

Irgendwann bleiben die drei singenden Grazien bei einem melodischen dadudammdamm hängen. Das hat einen ähnlichen in Trance versetzenden Effekt wie Rosenkranz beten, oder buddhistische Mühlen klappern lassen. Dadudammdamm, dadudammdamm, dadudammdamm, dadudammdamm, ..
Pan lehnt am E-Klavier und schaut die singenden Damen nur verzückt an, dadudammdamm.
Zwischendrin meint er sowas wie: i will not tell them to stopp, dadudammdamm, they can do this forever, they can sing me asleep, dadudammdamm, die singen auch die ganze Zeit weiter, dadudammdamm, i tell you the solution of all mysteries, the solution is … dadudammdamm.

Und weil grad alle in Trance sind, passt Suzanne da gut. Ich singe inzwischen ungeniert mit. Wegen dieses Liedes hab ich mir das Gitarre spielen beigebracht. Das konnte ich als Erstes. Er spielt es immer noch, als wäre das erste Mal, schaut irgendwo ins Narrenkastl dabei und wenn man ihn alleine fixiert und alles andere ausblendet, meint man einen jungen Kerl auf Hydra Gitarre gegen das Meer klimpern zu hören. And you want to travel with him, and you want to travel blind …
Dann holt er uns bissel runter mit The Gypsy’s wife und bringt uns back to Boogie Street.
Dann aber kommt Hallelujah und das allgemeine Mitsingen wird lauter. The baffled King composing Hallelujah.

Vor vielen Jahren habe ich John Cale ebenfalls hier im Konzerthaus diese Nummer singen hören. Ebenfalls wunderbar. Hach, die Zeit.
Der Kerl kann zwischendurch ja immer noch dreinschauen, wie einer, den man knutschen und mitnehmen möchte. Ist aber in seinem ganzen Auftreten durch und durch ein Sir. Weiß gar nicht, was die vielen Männer im Konzerthaus machen, schauen, wie es geht, wahrscheinlich. Äh. Ups.
Bissel Politik muss auch sein, Democracy is coming to the U.S.A.
And I'm neither left or right
I'm just staying home tonight.

Dann stellt sich Pan, der Sir, hin, lässt die Hände locker an der Hosennaht und singt I’m your man. ...
Ah but a man never got a woman back
Not by begging on his knees
Or I'd crawl to you baby
And I'd fall at your feet
And I'd howl at your beauty
Like a dog in heat
And I'd claw at your heart
I'd tear at your sheet
I'd say please, please
I'm your man.

So geht das, meine Herren, pleeeaaaseee.

Wir Wiener kriegen natürlich noch Take this waltz und sind begeistert.
There's a concert hall in Vienna
Where your mouth had a thousand reviews
Lalalalala ...

Pan hüpft ab und wird natürlich wieder zurückgeklatscht.
So long, Marianne … alles steht, klatscht, jauchzt fröhlich und falsch mit. Alle bleiben stehen. First we take Manhattan …
Ah remember me, I used to live for music.
Wir werden es nicht vergessen.
Pan hüpft ab und wird wieder zurückgeklatscht.
Sisters of Mercy. Hach.

If it be your will
That a voice be true
From this broken hill
I will sing to you
From this broken hill
All your praises they shall ring
If it be your will
To let me sing.

Ja bitte, hör einfach nicht auf.

"Thank your, for keeping my songs alive so many years."
Nichts zu danken. Mon plaisire
Closing time. Nä, noch nicht bitte.
Es wird gemütlich unter der Gänsehautdecke im Konzerthaus, alle stehen noch immer, alle, die zu zweit da sind, haben sich lieb, halten Händchen, Schultern, Hüften. Sogar der olle Andre Heller, der immer die Hände vor der Brust verschränkt und dabei einen Buckel macht, legt seine Hand kurz um die ihn begleitenden Schultern.
And it's partner found, it's partner lost
And it's hell to pay when the fiddler stops
It's closing time.

Daraus wird natürlich nichts. Pan lässt sich ein drittes Mal herbeiklatschen.
I try to leave you. Haha.
And here's a man still working for your smile.
Gelungen. Blöd grinsend fahr ich heim. Danke. Vielen, vielen Dank.


comment    


großartiger bericht. vielen, vielen dank.




nachtrag: hier ein zeichen

link  


Danke.

Vielen, vielen Dank.




Die Pause war vor dem elektronischen Tastending.

Da hat er auch ein ganz ganz kleines Einfingersolo gemacht, mit Applaus bedacht.
Cohen dazu: "Thank you, you are very friendly."

P.S.:
Schöner Bericht von Dir.




Schön

...danke für die schönen Zeilen. Ich kam leider zu spät, war schon ausverkauft. Na, ja, vielleicht kommt er noch mal mit 84. Schaut ja noch recht vital aus....

p.s. Schön, dass es Ihren Blog auch noch gibt, war schon lange nicht mehr da...




es muss ja auch im internetz konstanten geben ;)
schön, daß Sie noch mitlesen.

link  


wow!

danke für den bericht. sogar beim lesen hatte ich die songs im ohr.
neid.
ein bisschen.

jetzt muss ich gleich 1 platte hören.




danke

fuer diese bezaubernden eindrücke
hat sich gelohnt heute reinzuklicken




schließe mich an

Das ist ein Bericht. Besten Dank.




Hab ihn in Berlin gesehen - bzw. nie zuvor mehr weinende Männer meines Alters. First we take Dingsbums, ein klarer Selbstläufer natürlich. Leider wirds wahrscheinlich das letzte Mal gewesen sein...